Tagungsrückblick

Stopp, Killersatz!

Kinder mit Lernschwierigkeiten sind im Unterricht häufig frustriert. Eine neu entwickelte Reihe von Lektionen hilft ihnen, sich auf den Weg zum Lernprofi zu machen. Der Rückblick auf die Tagung vom 10./11. September 2021.

Kontakt
Liliana
Tönnissen
Titel
lic. phil.
Funktion
Senior Lecturer
Claudia
Ziehbrunner
Titel
Prof.
Funktion
Leiterin Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen / Professorin

Der 12-jährige Jonas sitzt teilnahmslos an seinem Pult und starrt ins Mathe-Lehrmittel. Auf den ersten Blick könnte man meinen, er hätte einfach keinen Bock auf Schule. Doch das Problem liegt tiefer. «Kinder wie Jonas sind schon in der Lage, sich zu motivieren», sagt Liliana Tönnissen, Senior Lecturer an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH), «aber sie können diese Fähigkeit im Unterricht häufig nicht abrufen.» Dadurch erleben Kinder mit Lernschwierigkeiten den schulischen Alltag als anstrengender als andere, führt Rupert Tarnutzer aus: «Sie erleben ein chronisches, leicht erhöhtes Stress-Level», so der Senior Lecturer der HfH. Und entwickeln mit der Zeit negative Überzeugungen. Ein Beispiel wäre: «Dass ich mich so anstrengen muss, zeigt, wie dumm ich in Mathe bin.» Genau hier setzt das 2017 gestartete Interventionsprojekt «Motivation und Selbstregulation bei Lernschwierigkeiten» (MOSEL) an. Rupert Tarnutzer und sein Team entwickelten Förderlektionen, in denen die Kinder ihre Lernerfahrungen verbalisieren und verändern. Was genau damit gemeint ist, erfahren Sie im folgenden Video-Interview mit Liliana Tönnissen und Rupert Tarnutzer.

Im Gespräch mit Liliana Tönnissen und Rupert Tarnutzer

Die eigenen Überzeugungen reflektieren und ändern – das klingt nachvollziehbar und hat sich etwa im Spitzensport bewährt. Aber klappt das auch bei Kindern mit Lernproblemen? Eine erste Probe aufs Exempel zeigt, dass es funktioniert. Die Schulische Heilpädagogin Tabea Bruggmann von der Primarschule Bürglen hat mit diesen Lektionen gearbeitet. «Stopp, Killersatz!», heisst es dann in der Vierergruppe, wenn ein Kind wieder mal vor einer Aufgabe sitzt und vor sich hin murmelt: «Ich werde das nie lernen!» In dieser Situation ist das heilpädagogische Fachwissen von Tabea Bruggmann gefragt, um das Kind zu einem positiven Gedanken hinzuführen, der die destruktive Überzeugung ablöst. Was das bedeutet, führt sie im folgenden Video aus.

Im Gespräch mit Tabea Bruggmann

Bleibt die Frage: Wie stark ist die Lernmotivation bei Kindern überhaupt veränderbar? «Das Ziel ist eine minimale Zuversicht», relativiert Rupert Tarnutzer. Für Kinder wie Jonas heisst das: Nicht frustriert aufs Blatt starren, sondern überhaupt in die Aufgabe einsteigen können. «Ein Schüler mit Lernschwierigkeiten hat durchaus das Recht, ein bisschen unmotiviert zu sein. Hauptsache, er macht sich an die Arbeit», so Tarnutzer. Die ersten Erfahrungen mit den Förderlektionen sind vielversprechend. Wie stark die allgemeinen Effekte der Lektionsreihe sind, wird sich zeigen, wenn im Dezember 2021 die Auswertungen der MOSEL-Studie vorliegen.

Die Online-Tagung «Motivation und Selbstregulation unter erschwerten Bedingungen» fand am 10./11. September 2021 statt. Sie wurde geleitet von Dr. Rupert Tarnutzer (HfH) und Liliana Tönnissen, lic. phil. (HfH) und war ein Anlass des Instituts für Lernen unter erschwerten Bedingungen.

Autoren: Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation HfH

 

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