Wenn Emotionsprobleme die Logopädie-Therapie erschweren

Tagungsrückblick

Wut, Scham oder Schüchternheit können Kindern den Zugang zur Sprachtherapie versperren. Fachpersonen benötigen deshalb ein vertieftes Wissen über sozial-emotionale Kompetenzen.

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Jürgen
Kohler
Titel
Prof. Dr.
Funktion
Senior Lecturer

Am liebsten würde er sich jeweils in einer Ecke verstecken, der 9-jährige Nino. Geht aber nicht, denn wie jeden Dienstag steht nun Logopädie auf seinem Stundenplan. Der unscheinbare und schüchterne Knabe stottert – und schämt sich deswegen. Deshalb verweigert er seit ein paar Wochen die Arbeit mit der Logopädin der Schule. Klassische Vermeidung.

Lange unter dem Radar. Kinder wie Nino gibt es häufiger als gedacht. «Emotionale Probleme können die Logopädie-Therapie stark behindern», sagt HfH-Dozent Jürgen Kohler und redet von einem ganzen Spektrum von Auffälligkeiten: «Das reicht von Schüchternheit und Scham bis zu Aggression und Wut». Er hat deshalb die Tagung «Emotionsregulation in der Logopädie» organisiert – um Lösungsansätze zu diskutieren, aber auch, um das Thema überhaupt mal auf den Tisch zu bringen. «In der Logopädie wurde der Einfluss von Emotionsproblemen auf die Therapie lange stiefmütterlich behandelt», sagt Kohler. «Die Therapeutin ging dann jeweils einfach intuitiv vor.» Intuitives Vorgehen sei dabei nicht per se negativ, so Kohler, aber das Ergebnis, die erhoffte Wirksamkeit, sei dann oft zufällig und nicht systematisch. Damit soll jetzt Schluss sein. Was typische Probleme im logopädischen Alltag sind, auf die man professionell reagieren sollte, erläutert er im folgenden Video-Interview mit Steff Aellig.

Informationen zum Video: Das Interview wird geführt von Dr. Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation HfH. Der Gesprächsgast ist Prof. Dr. Jürgen Kohler, Senior Lecturer.

Steff Aellig im Gespräch mit Jürgen Kohler

Die richtige Strategie. Logopäd:innen sollten sich also im Bereich der Emotionsregulation von Kindern gut auskennen. Das umfasst jedoch mehr als die Kenntnis ausgewählter Strategien wie Vermeidung, Ablenkung, Perspektivenwechsel oder Neubewertung, betont Tina In-Albon. «Wichtig ist die kognitive Flexibilität der Fachperson», sagt die Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Koblenz-Landau, «um je nach Situation und Kontext die richtige Strategie wählen zu können.» Dies erfordert fundierte Kenntnisse über die wichtigsten Mechanismen. Dominik Gyseler hat Tina In-Albon deshalb im Gespräch als Erstes gefragt: Was genau ist der besondere Zusammenhang zwischen Sprachproblemen und Emotionskompetenz?

Informationen zum Video: Das Interview wird geführt von Dr. Dominik Gyseler, Wissenschaftskommunikation HfH. Der Gesprächsgast ist Prof. Dr. Tina In-Albon, Universität Koblenz - Landau.

Dominik Gyseler im Gespräch mit Tina In-Albon

Teil der Ausbildung. Müssen angehende Fachpersonen also bald in der Psychotherapie ebenso versiert sein wie in der Logopädie? Nein, das sicher nicht, sagt Susanne Kempe. Die Co-Leiterin des Bachelorstudiengangs Logopädie an der HfH betont aber, dass das Thema der Emotionsregulation in verschiedenen Modulen der Ausbildung eine wichtige Rolle spiele, etwa wenn es um den Frühbereich oder um Sprachentwicklungsstörungen geht. «Gerade Scham wie im Beispiel von Nino – oder etwa auch Angst – sind Emotionen, welche die Fachpersonen der Logopädie im Alltag häufig vor Herausforderungen stellen», so die HfH-Dozentin. «Da brauchen sie natürlich dann Werkzeuge, auf die sie zurückgreifen können.» Welche das ganz konkret sein könnten, erläutert sie im folgenden Video-Interview mit Steff Aellig.

Informationen zum Video: Das Interview wird geführt von Dr. Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation HfH. Der Gesprächsgast ist lic. phil. Susanne Kempe, Senior Lecturer / Co-Leiterin Bachelor Logopädie.

Steff Aellig im Gespräch mit Susanne Kempe

Die Tagung «Logopädie und Emotionsregulation» fand am 18. Juni 2022 an der HfH und online statt. Geleitet wurde die Tagung von Prof. Dr. Jürgen Kohler. Es war ein Anlass des Instituts für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung.

Autoren. Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation, HfH