Heilpädagogische Früherziehung wirkt! Na klar? Pilotprojekt zur Wirksamkeit familien- und ressourcenorientierter Interventionen anhand kontrollierter Einzelfallstudien

Projekt

Ausgangslage und Ziele

Als Schlüssel einer nachhaltigen und wirksamen Förderung von Kindern mit Behinderung und/oder Entwicklungsauffälligkeiten gilt die Familienorientierung, wonach Eltern in ihren Kompetenzen und bei der Bewältigung der durch die Behinderung des Kindes bedingten psychischen Belastungen unterstützt werden (Lütolf, Koch & Venetz, 2015; Lütolf & Venetz, 2018). Im Pilotprojekt wird die Wirksamkeit einer familien- und ressourcenorientierten Intervention mittels kontrollierter Einzelfallstudien überprüft. Damit wird der zunehmenden Forderung nach Evidenzbasierung in der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE) entsprochen (Lütolf, Venetz & Koch, 2016).

Projektleitung
Christina
Koch
Titel
Prof.
Funktion
Professorin für Heilpädagogik der Frühen Kindheit / Leiterin Master Heilpädagogische Früherziehung
Simone
Schaub
Titel
Dr. phil.
Funktion
Senior Researcher
Fakten
Dauer
09.2021
12.2022
Neue Projektnummer
3_32

Ausgangslage und Ziele

Systemischen Wirkmodellen liegt die Annahme zugrunde, dass sich die Praktiken der Heilpädagogischen Früherziehung nicht ausschliesslich direkt auf die kindliche Entwicklung auswirken, sondern ebenso und massgeblich über die Handlungen der Eltern und deren Interaktionen mit dem Kind vermittelt werden. Familien- und ressourcenorientierte Praktiken verringern demzufolge das Belastungserleben von Eltern, während gleichzeitig deren Selbstwirksamkeitserleben und das Wohlbefinden gesteigert werden. Diese positiven Effekte auf das elterliche Befinden wiederum führen zu positiveren Interaktionen der Eltern mit dem Kind und zu höheren Kompetenzen, das Kind in seiner Entwicklung und der Teilhabe am Alltagsgeschehen zu fördern (siehe Abbildung 1).

Im Pilotprojekt sollen die postulierten Effekte familien- und ressourcenorientierter Praktiken auf das elterliche Befinden überprüft werden. Aufgrund der Heterogenität der Familien und der hohen Individuumsbezogenheit der Interventionen wird die Wirksamkeit mittels kontrollierter Einzelfallstudien überprüft. Solche Einzelfallstudien sind eine anerkannte experimentelle Forschungsmethode, mit welcher sich kausale Effekte von Interventionen nachweisen lassen können. Das Pilotprojekt verfolgt folgende Ziele:

  1. Überprüfung der Durchführbarkeit kontrollierter Einzelfallstudien in der regulären Praxis der Heilpädagogischen Früherziehung.
  2. Überprüfung von Effekten kindorientierter resp. familien- und ressourcenorientierter Praktiken auf Aspekte des elterlichen Befindens wie das Belastungserleben, das Selbstwirksamkeitserleben oder das Wohlbefinden.

Abbildung 1. Vereinfachtes Wirkmodell der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE).
Abbildung 1. Vereinfachtes Wirkmodell der HFE

Methodik: Kontrollierte Einzelfallstudien

Kontrollierte Einzelfallstudien bezeichnen ein experimentelles Forschungsdesign zum Nachweis einer kausalen Beziehung zwischen der Einführung einer Intervention und der Veränderung, beispielsweise im Befinden einer Person. Somit ermöglichen kontrollierte Einzelfallstudien den Wirksamkeitsnachweis auf der Ebene des Individuums in seinem natürlichen Alltag und sind besonders geeignet zum Abbilden der komplexen Wirkweise der Heilpädagogischen Früherziehung. Kernmerkmale der Heilpädagogischen Früherziehung wie die grosse Vielfalt an Interventionsarten, die Kontextorientierung, die Heterogenität der Kinder und Familien sowie die kleine Population können auf diese Weise berücksichtigt werden. In der Pilotstudie wird eine Reihe kontrollierter Einzelfallstudien durchgeführt, in welcher jeweils über mehrere Wochen regelmässig und wiederholt das elterliche Befinden (z.B. das Belastungserleben) erfragt wird. Im gesamten Befragungszeitraum werden verschiedene Phasen der Heilpädagogischen Früherziehung (z.B. vor Beginn, Erstgespräch, familien- und ressourcenorientierte Intervention) bei einzelnen Familien gestaffelt eingeführt. Mit diesem sogenannten Multiple-Baseline-Design können die Phasen der Heilpädagogischen Früherziehung in Beziehung zu Veränderungen im elterlichen Befinden gesetzt werden und kausale Zusammenhänge ermittelt werden.

Erwartete Ergebnisse

Die Wirksamkeit heilpädagogischer Massnahmen und die Nennung der expliziten Wirkfaktoren werden in den letzten Jahren immer öfters gefordert. Der Weg dorthin ist schwierig, da "in der Pädagogik Situationen und Zustände nicht mittels linearer Lösungsstrategien verändert werden" (Burgener, Lanfranchi & Koch, 2016, S. 6). Die Ergebnisse der Pilotstudie bilden die Basis für ein grösseres Forschungsprojekt. Erweisen sich die kontrollierten Einzelfallstudien als machbar im regulären Alltag der Heilpädagogischen Früherziehung und zeigen sich positive Effekte hinsichtlich des elterlichen Befindens aufgrund familien- und ressourcenorientierter Interventionen werden Folgestudien geplant, in welcher die Komplexität und Vielschichtigkeit der Wirkweise der Heilpädagogischen Früherziehung vertieft und mit einer grösseren Population untersucht werden.

Literatur

Burgener, A., Lanfranchi, A. & Koch, Ch. (2016). Wirksamkeit an Evidenz messen. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 22(3), 6-12.

Lütolf, M., & Venetz, M. (2018). Familienorientierung als Kriterium von Wirksamkeit Heilpädagogischer Früherziehung? Theoretische Überlegungen und empirische Befunde. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 87(3), 248–258. doi:10.2378/vhn2018.art25d

Lütolf, M., Koch, Ch., & Venetz, M. (2015). Spannungsfeld Familienorientierung. BVF-Forum, 87(1), 5–13.

Lütolf, M., Venetz, M. & Koch, Ch. (2016). Wirksamkeit der heilpädagogischen Früherziehung. Eine tätigkeitsorientierte Annäherung. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 22(3), 20–26.