Reportage

Verhaltensprobleme sind häufig und belasten stark

Kinder und Jugendliche mit Verhaltensproblemen sind ein zentrales Thema der Heilpädagogik. Eine Studie der HfH zeigt auf, wo genau im schulischen Alltag der Schuh drückt und welche Programme von den betroffenen Lehrpersonen als erfolgreich beurteilt werden.

Kontakt
Xenia
Müller
Titel
Dr. phil.
Funktion
Senior Researcher
E-Mail
xenia.mueller [at] hfh.ch

Der 9-jährige Knabe, der keine fünf Minuten still sitzen kann und dauernd den Unterricht stört, das 11-jährige Mädchen, das fast unsichtbar die Schulbank drückt und seit Wochen diesen traurigen Gesichtsausdruck hat, der 15-jährige Jugendliche, der nicht nur seine Mitschüler bedroht, sondern auch seine Lehrer anpöbelt und bereits einige Male des Diebstahls überführt wurde: Kinder und Jugendliche mit Verhaltensproblemen sind ohne Zweifel ein zentrales Thema der Heilpädagogik. Aber wo genau drückt im schulischen Alltag der Schuh? Welches sind die häufigsten Probleme der Lehrpersonen, welche belasten sie am meisten? Und welche Programme werden von den betroffenen Lehrpersonen als erfolgreich beurteilt?

Mit diesen Fragen befasste sich die «Bedarfsanalyse zum Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten in der Schule» von Xenia Müller. Zusammen mit ihrem Kollegen Markus Sigrist befragte die Forscherin der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich 1'529 Personen aus Regel- und Sonderschulen aus 17 Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein. Sehen Sie in der folgenden Bilderstrecke, welches die wichtigsten Erkenntnisse der Studie sind. Wir haben sie für Sie in sieben Befunden zusammengefasst. Sie werden nachfolgend von Xenia Müller kommentiert.

Verhaltensprobleme sind weit verbreitet.
Am häufigsten sind Unterrichtsstörungen.
Unterrichtsstörungen belasten am meisten.
Es sind viele Programme im Einsatz.
Kein Programm ragt heraus.
Das ganze Team sollte mitmachen.
Schulnahe Personen unterstützen besonders stark.

1. Verhaltensprobleme sind weit verbreitet.

Xenia Müller: «Die Lehrpersonen wurden auf einer fünfstufigen Skala befragt, wie häufig nach ihrer Einschätzung Verhaltensprobleme in der Schule auftreten. Im Durchschnitt wurde der Wert 4 angegeben, was bedeutet, dass Verhaltensauffälligkeiten im schulischen Alltag oft erlebt werden. Dies zeigt deutlich: Verhaltensauffälligkeiten sind kein Phänomen, das vernachlässigt werden kann – ganz im Gegenteil.»

2. Am häufigsten sind Unterrichtsstörungen.

Xenia Müller: «Nicht alle Verhaltensauffälligkeiten sind im schulischen Alltag gleich präsent. Am stärksten werden jene Störungen wahrgenommen, welche direkt den Unterricht betreffen – die Lektion wird ständig unterbrochen, die Hausaufgaben sind nicht gemacht, es werden freche Antworten gegeben. Dass externalisierende Verhaltensauffälligkeiten insgesamt häufiger wahrgenommen werden als internalisierende Probleme wie sozialer Rückzug, Ängstlichkeit oder Depressivität, ist nicht erstaunlich, weil letztere den Unterricht weniger stören. Sie sind aber aus der Sicht der Heilpädagogik deshalb nicht weniger wichtig.»

3. Unterrichtstörungen belasten am meisten.

Xenia Müller: «Verhaltensauffälligkeiten sind nicht nur häufig, sondern werden auch als belastend wahrgenommen. So lagen zum Beispiel bei den externalisierenden Verhaltensauffälligkeiten die Mittelwerte des schulischen Problemverhaltens, des oppositionellen Verhaltens und des aggressiven Verhaltens allesamt signifikant höher als der kritische Wert 3, der «mittelmässig belastet» bedeutet. Diese lauten Verhaltensprobleme, die den Unterricht stören, belasten am meisten. Ein Kind, welches sich im Unterricht zurückzieht und nicht partizipiert, vielleicht aufgrund einer Depression, behindert den Unterricht weniger. Auch ist eine Lehrperson weniger belastet durch dissoziale Probleme, da sich diese häufig ausserhalb des Unterrichts zeigen. Was die Belastung angeht, kann man übrigens keine besonderen Gruppen ausmachen: Junge Lehrkräfte zum Beispiel sind nicht belasteter als die erfahrenen Lehrpersonen. Frauen sind auch nicht belasteter als Männer. Es gibt keine Unterschiede zwischen diesen Gruppen.»

4. Es sind viele Programme im Einsatz.

Xenia Müller: «No Blame Approach, Ich schaff’s!, PFADE – in den Schulen ist eine Vielzahl von Programmen und Konzepten im Einsatz. Im Durchschnitt benutzen fast 9 von 10 Personen irgendein Programm, ob präventiv oder intervenierend. Es scheint also, dass in der Praxis viel unternommen wird. Es zeigt sich zudem, dass Massnahmen des «Classroom Managements» am häufigsten eingesetzt werden. Aber auch mittels «gewaltfreier Kommunikation» und nach dem Konzept «Neue Autorität» wird recht häufig gearbeitet.»

5. Kein Programm ragt heraus.

Xenia Müller: «Keines der Programme ragt deutlich heraus, wenn es darum geht, wie hilfreich sie für die Lehrpersonen sind. Alle Programme liegen im mittleren Bereich. Das heisst: Für Lehrpersonen scheint es zwar wichtig zu sein, ein Instrument zur Hand zu haben, mit dem sie arbeiten können. Die «absolute Lösung» ist jedoch keines. Vermutlich reichen Programme allein nicht aus, um störende Verhaltensweisen so zu verändern, dass Belastungen signifikant abnehmen. Die Unterstützung durch und die Zusammenarbeit mit Fachpersonen bzw. Kolleginnen und Kollegen ist ein sehr wichtiger Aspekt, der nicht durch ein Programm ersetzt werden kann. In diesem Zusammenhang ist aber zu betonen: Wir haben nicht die Wirksamkeit der Programme untersucht, sondern wie hilfreich sie die Lehrpersonen in der Praxis wahrnehmen.»

6. Das ganze Team sollte mitmachen.

Xenia Müller: «Die ganzheitlichen Konzepte wie Familienklassenzimmer oder vor Classroom Management oder die Neue Autorität werden als hilfreicher beurteilt als kleinere Programme (die sich z.B. auf externalisierendes Verhalten oder auf Mobbing beziehen). Hier steckt eine Philosophie dahinter, das ganze Schulteam zieht am gleichen Strick. Das bringt den einzelnen Lehrpersonen – laut ihren Aussagen – am meisten.»

7. Schulnahe Personen unterstützen besonders stark.

Xenia Müller: «Für jene Verhaltensauffälligkeiten, die am häufigsten sind und am meisten belasten, verlangen die Betroffenen auch am meisten Unterstützung: schulisches Problemverhalten, oppositionelles Trotzverhalten, Aggressionen. Bei der Frage, wer als hilfreich betrachtet wird, zeigte sich: Die schulnahmen Personen sind besonders wichtig. Lehrpersonen aus dem Team werden dabei als ähnlich hilfreich beurteilt wie die SHP, obwohl diese ja mehr Fachwissen aufweisen sollte. Das könnte daran liegen, dass die Lehrperson im Klassenzimmer nebenan zugänglicher ist als die SHP, die vielleicht nur zwei Lektionen im Unterricht ist. Für uns stellt sich damit die Frage, wie man die SHP stärker einbinden könnte.»

Autoren: Dominik Gyseler, Dr. und Steff Aellig, Dr., Wissenschaftskommunikation HfH

 

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