LUBO-LRS

Projekt

Ausgangslage und Ziele

Kinder mit Schwierigkeiten im Lese- und Rechtschreiberwerb sind häufig auch von verschiedenen externalisierenden und internalisierenden Problemen betroffen. Das Konzept des Sozial-Emotionalen-Lernens (SEL) stellt eine Möglichkeit dar, betroffene Kinder nachhaltig und ganzheitlich zu Förderung. Das Projekt verfolgt das Ziel der Entwicklung und Wirksamkeitsevaluation eines LRS spezifischen SEL-Programms, welches ergänzend zu einem positiv evaluierten und etablierten Programm, «Lubo aus dem All» (Hillenbrand et al., 2018), eingesetzt werden kann.

Projektleitung
Dennis Christian
Hövel
Titel
Prof. Dr.
Funktion
Leiter Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung / Professor
Fakten
Dauer
10.2021
06.2024
Neue Projektnummer
2_17

Projektteam

Liliana TönnissenClaudia HofmannChristina BärAnnette KraussKarin Zumbrunnen
Barbara Schmidt
Alfred Schabmann
Barbara Gasteiger Klicpera
Susanne Seifert
Finanzielle Unterstützung

Problemstellung

Schwache Leistungen im Lesen und Schreiben in der Grundschule treten häufig gemeinsam mit verschiedensten externalisierenden und internalisierenden Problemen auf (Turunen et al., 2018; Bennet et al., 2003; Willcutt & Pennington, 2000; Halonen et al., 2006). In der einschlägigen Fachliteratur (z. B. Hendren et al., 2018; Maughan, & Caroll, 2006) wurde wiederholt gefordert, sowohl an der Verbesserung des Lesens- und Schreibens als auch an einer positiven Verhaltensentwicklung anzusetzen. Für beide Dimensionen liegen zwar wirksame Interventionen vor (vgl. u.a. Campbell et al., 2018), in der Praxis ist allerdings bislang zu beobachten, dass betroffene Kinder nur isoliert gefördert werden (Hendren et al., 2018). Dies lässt vermuten, dass der Zusammenhang von schwachen Lese- und Rechtschreibleistungen, Verhaltensproblemen sowie den resultierenden sozial-emotionalen Folgen von Fachpersonen nicht in seiner Komplexität und Gänze erfasst und folglich in einer Förderung nicht ausreichend berücksichtigt wird. Alltagssituationen der Kinder (z. B. das laute Lesen vor der Klasse) werden durch die beteiligten Professionen in einzelne Funktionsbereiche (z. B. Leseleistung und Angst, Aufmerksamkeitsprobleme usw.) separiert. Diese isolierte Betrachtung einzelner Komponenten einer komplexen Situation könnte ein Grund für die fehlenden Transfereffekte einer Förderung des Lesens und Schreibens auf die komorbiden Problemlagen sein. Auch für den Bereich des Sozial-Emotionalen-Lernens (SEL) konnte festgestellt werden, dass der Transfer der Lerninhalte in den Schul- und Unterrichtsalltag (Hövel et al., 2019) ein zentrales Kriterium für die Wirksamkeit darstellt.

Vor diesem Hintergrund verfolgt das Projekt die Absicht, ein speziell für Kinder mit Schwierigkeiten im Lese- und Rechtschreiberwerb zugeschnittenes SEL-Programm zu entwickeln, welches ergänzend zu einem positiv evaluierten und etablierten Programm, «Lubo aus dem All!» (Hillenbrand et al., 2018), eingesetzt werden kann. Im Sinne eines mehrstufigen Förderansatzes soll die neu entwickelte Massnahme die Inhalte des Programms «Lubo aus dem All!», das inklusiv mit allen Kindern einer Klasse umgesetzt wird, für Kinder mit LRS-Problematik auf indizierter Ebene intensivieren und spezifizieren.

Methode

Entwicklung

Die Entwicklung des Curriculums erfolgt in zwei Schritten. Im ersten Schritt werden mittels systematischen Literaturreview Studien zusammengestellt, die Auskunft über spezifische soziale und/oder emotionale Stressoren von Kindern mit LRS erfasst haben. Ergänzend hierzu werden in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland insgesamt 24 Kinder, deren Eltern und Logopädinnen und Logopäden mittels Interviews zu spezifischen Stressoren befragt. Auf Basis der im Review und in den Interviews ermittelten Stressoren wird dann in einem zweiten Schritt die Instruktion und das Material für die Förderung erstellt. Als Sequenzierung der Förderinhalte dient das Modell der sozial-kognitiven Informationsverarbeitung in der um die emotionalen Prozesse erweiterten Fassung von Lemerise und Arsenio (2000).
 

Wirksamkeitsprüfung

Mögliche positive Effekte des neun entwickelten Programms werden in einem experimentellen Design mit vier Gruppen überprüft. Zur Gruppenbildung werden ca. 1250 Schülerinnen und Schüler aus der Schweiz, Österreich und Deutschland einem Lesescreening unterzogen, um ca. 90 Kinder mit Schwierigkeiten im Lesen zu identifizieren. Zusätzlich werden 30 im Lesen unauffällige Schülerinnen und Schüler als «Ankerkinder» mit in die weitere Evaluation eingeschlossen. Diese insgesamt 120 Kinder werden dann auf vier Bedingungen aufgeteilt und in einem Prätest werden Verhaltens- und des Lesewerte erfasst. Bei Bedingung eins und zwei erhalten die Kinder zusammen mit allen anderen Kindern ihrer Stammklassen «Lubo aus dem All!» als universell-inklusive Fördermassnahme im Klassenverband. Ergänzend hierzu erhalten die Kinder mit Leseschwierigkeiten eine evidenzbasierte Leseförderung mittels «Kieler Leseaufbau» in Kleingruppen. Nach drei Monaten wird in der ersten Gruppe zusätzlich noch das neu entwickelte Programm zur spezifischen Intensivierung der Inhalte von Lubo in Kleingruppenförderung eingeführt. Die zweite Gruppe erhält keine weitere Förderung. Die dritte Gruppe erhält über den gesamten Zeitraum nur den «Kieler Leseaufbau» und kein SEL. In der vierten Gruppe, der Kontrollgruppe, wird weder eine spezifische Leseförderung noch SEL eingesetzt. Die Umsetzung aller Massnahmen erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs Monaten. Anschliessend erfolgt eine Posttestung und nach sechs weiteren Monaten ein Follow-up. Für die Datenerhebung werden die Richtlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie eben sowie die ethischen Grundsätze für die Forschung an Lebenswesen eingehalten. Von allen teilnehmenden Schülerinnen und Schüler wird eine Einverständniserklärung von deren Erziehungsberechtigen eingeholt.

(Erwartete) Ergebnisse / Diskussion

Es wird erwartet, dass die erste Gruppe nach Beendigung der Förderung signifikant besser im Verhalten und im Lesen abschneidet als die anderen drei Gruppen.
Insofern sich positive Wirksamkeitsbelege finden lassen, kann das skizzierte Vorgehen als Beispiel zur praktischen Umsetzung eines mehrstufigen Förderansatzes herangezogenen werden und exemplarisch zeigen, wie einerseits eine bestehende Massnahme bedarfsspezifisch intensiviert werden kann und andererseits eine multiprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sowie Therapeutinnen und Therapeuten umgesetzt werden kann.