Digitale Geräte können einen Mehrwert für die Heilpädagogik bieten

Tagungsrückblick

Dazu braucht es aber einen spezifischen pädagogischen Kontext. Wie der inklusive Unterricht konkret angereichert werden kann, zeigt der Rückblick auf die Tagung «ICT in der Heilpädagogik» vom 27. November 2021.

Kontakt

Ingo
Bosse
Titel
Prof. Dr.

Funktion

Professor für ICT for Inclusion

Dennis Christian
Hövel
Titel
Prof. Dr.

Funktion

Leiter Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung / Professor

Daniela
Nussbaumer
Titel
Prof. Dr.

Funktion

Professorin für MINT-Lernen und -Lernentwicklung unter erschwerten Bedingungen

«Digitale Medien bestimmen unseren Alltag», sagt Ingo Bosse. Das birgt auch Risiken: «Soziale Ungleichheiten, die es ohnehin schon gibt, könnten im digitalen Raum weiter fortgesetzt, ja, sogar verstärkt werden», sagt der Professor für ICT for Inclusion an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH). Als Beispiel nennt er eine WhatsApp-Gruppe in einer Klasse, in der just jene Kinder nicht vertreten sind, die sowieso schon Gefahr laufen, ausgeschlossen zu werden. Besonders gefährdet sind Kinder mit Lernschwierigkeiten oder einer geistigen Behinderung, weil sie weniger gut lesen können und zuhause schlechter mit Medien ausgestattet sind. Hier kommt aber auch der digitale Nutzen ins Spiel: Die Möglichkeit, statt einer Textnachricht eine Sprachnachricht zu schicken, kommt diesen Kindern entgegen, weil sie so diese Medien niederschwellig nutzen können. «Auf diese Weise können diese Kinder stärker in Schule und Gesellschaft teilhaben», ist Ingo Bosse überzeugt. Ein grosses Problem ist allerdings die mangelnde Barrierefreiheit, wie er im folgenden Video-Interview ausführt.

Informationen zum Video. Das Interview mit dem Titel «Digitale Medien bieten Chancen für erhöhte Teilhabe» wird geführt von Dr. Dominik Gyseler, Wissenschaftskommunikation HfH.

Video-Interview mit Prof. Dr. Ingo Bosse

Video-Abspann in Textform

Digitale Medien bieten Chancen für erhöhte Teilhabe. Interview im Rahmen der Tagung «ICT for inclusion» vom 27.11.2021 an der HfH Zürich.

  • Gesprächsgast: Prof. Dr. Ingo Bosse (Mitarbeiter am Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen)
  • Gesprächsführung: Dr. Dominik Gyseler (HfH Wissenschaftskommunikation)
  • Konzept und Regie: Dr. Steff Aelig und Dr. Dominik Gyseler (HfH Wissenschaftskommunikation)
  • Kamera, Ton und Schnitt: Beni Schafheitle (pixair.ch)

Fördern mit dem iPad. In der Heilpädagogik ist das potenzielle Einsatzfeld von ICT sehr breit. Es reicht von assistiven Technologien über Diagnostik und Beratung bis hin zur eigentlichen Förderung. Nimmt man Kinder mit Lernschwierigkeiten in den Blick, wird klar: «Mit digitalen Hilfsmitteln werden zwar ihre kognitiven Entwicklungsdefizite nicht ausgeglichen, aber ihre Teilhabe am Unterrichtsgeschehen wird erleichtert», sagt Marius Haffner, Spezialist für digitales Lernen und Schulischer Heilpädagoge. Während zum Beispiel Kleingedrucktes auf Papier für Kinder mit Leseproblemen eine grosse Hürde darstellt, bietet ihnen ein Tablet erweiterte Zugänge: optisches Vergrössern, Vorlesen lassen, Hyperlinks zu Worterklärungen, Bildern oder weiterführenden multimedialen Inhalten.

Auch die Förderung selber kann durch das Automatisieren und Üben mittels spezifischer Apps optimiert werden. «Hier ist der Vorteil von digitalen Lernumgebungen schnell erkennbar», ist der HfH-Dozent überzeugt und zählt auf: «Unendliche Anzahl Wiederholungen – der Computer wird nicht müde, individuell angepasste Steigerung von Tempo, Menge und Komplexität sowie unmittelbares Feedback durch Töne und Animationen.» Gerade die Möglichkeit von akustischen und visuellen Belohnungssystemen erhöhen für Kinder mit Lernproblemen die Motivation, sich länger und intensiver mit dem Lerngegenstand auseinanderzusetzen, meint Haffner. Doch auch diese digitalen Anreize würden über einen Grundsatz nicht hinwegtäuschen: Lernen bleibt Lernen. «Wenn du eine Fähigkeit erwerben willst, dann musst du etwas tun dafür – und das ist anstrengend», so Haffner. «Das Digitale kann den Zugang erleichtern und – so hoffen wir – den Lerneffekt etwas erhöhen. Aber das Pädagogische dahinter bleibt zentral.»

Flipped Classroom bei Lernschwierigkeiten. Geprägt wurden moderne Lernumwelten in den letzten Jahren vermehrt von Lernvideos. Diese seien aus einem digital angereicherten Unterricht nicht mehr wegzudenken, ist Philipp Staubitz überzeugt. Als Sonderpädagoge und Lehrbeauftragter am Seminar für Lehrerausbildung in Freiburg im Breisgau beschäftigt sich Staubitz mit dem so genannten «Flipped Classroom». Umgedreht – eben «flipped» – wird der Unterricht deshalb bezeichnet, weil die Schülerinnen und Schüler die thematischen Einführungen und Erklärungen nicht von der Lehrperson, sondern digital erhalten. Sie lernen so in ihrem individuellen Tempo und können die für sie passende Anzahl Wiederholungen selbst bestimmen. Die besten Erfahrungen hat Staubitz mit der «In-Flip-Methode» gemacht. Dabei schauen sich die Schülerinnen und Schüler die Erklärvideos im Unterricht an. «So werden Kinder, welche zu Hause nur einen eingeschränkten Zugang zur digitalen Welt haben, nicht ausgeschlossen», so Staubitz.

Einsatz von ICT noch ausbaubar. Wie breit von diesen digitalen Möglichkeiten heute bereits in der schulischen Heilpädagogik Gebrauch gemacht wird, haben Daniela Nussbaumer und Dennis Hövel im Rahmen ihrer HfH-Studie «Nutzung von ICT in der schulischen Heilpädagogik» (IN-USE) untersucht. «Digitale Medien werden vor allem für das Lesen- und Schreibenlernen eingesetzt», sagt HfH-Professorin Daniela Nussbaumer. In anderen Bereichen jedoch gibt es noch viel Luft nach oben, wie Dennis Hövel ergänzt: «Im Bereich Hören oder in der Sonderschule wird ICT noch selten eingesetzt», sagt der HfH-Institutsleiter. Wer einen Schritt weiterkommen will, kann sich bei der neu geschaffenen Fachstelle ICT for Inclusion (ICT4I) an der HfH schlau machen. Sie dient als niederschwellige Anlaufstelle und berät beispielsweise beim Aufbau digitaler Medien- und Anwendungskompetenzen in Therapie und inklusivem Unterricht.

Die Tagung «ICT in der Heilpädagogik» fand am 27. November 2021 statt. Sie wurde geleitet von Daniela Nussbaumer, Prof. Dr. (HfH), und Dennis Christian Hövel, Prof. Dr. (HfH), und war ein Anlass des Instituts für Lernen unter erschwerten Bedingungen.

Autoren
Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig,
Wissenschaftskommunikation HfH

Tagungen

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